Begegnung von Christen und Muslimen
Begegnung von Christen und Muslimen

Europa und die Religion

Religion ist öffentlich – das gilt in Deutschland.
Religion ist Privatsache – das gilt in Frankreich.
Oberhaupt von Staat und (anglikanischer) Kirche ist die Königin – in England ist alles wieder mal ganz anders.

Das Verhältnis von Staat und Religion gehört zu einem Kernbereich nationaler Identität. Nicht zuletzt deshalb befasst sich auch der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas seit etwa 15 Jahren mit dem öffentlichen bzw. dem gesellschaftlichen Beitrag von Religion, speziell der Kirchen zur Gestaltung Europas.
Gemeinsam ist allen diesen Ländern die Frage, was das Hinzukommen von größeren neuen Gruppen bedeutet, wie etwa der Muslime.

Die Geschichte des Verhältnisses von Staat und Religion ist in den Ländern Europas sehr verschieden, aber prägend verlaufen: in Deutschland hat sich ein Kooperationsmodell entwickelt, in dem manche ein fast partnerschaftliches Verhältnis von Staat und Kirche sehen. War die Beziehung schon traditionell eng, so erschien es vielen nach der Erfahrung der Nazi-Diktatur ratsam, dass der weltanschaulich neutrale Staat die Kirchen als starkes, unabhängiges aber kooperatives Gegenüber hat. GG Art. 4 geht von positiver Religionsfreiheit aus. D.h., dass sich die Religionsgemeinschaften als Teil der freiheitlich-demokratischen Gesellschaft öffentlich artikulieren dürfen, ja sollen. “Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann….” sagt in diesem Sinne der ehem. Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde.
Müssen also z.B. islamische Verbände – ebenso wie die Kirchen – den Status einer Körperschaft des Öffentlichen Rechts erhalten, um in Rundfunkräten präsent zu sein, und entsprechende Förderungen der Wohlfahrts- und Jugendarbeit zu erhalten? Um diese Frage geht es derzeit in den Bundesländern und teilweise ist sie bereits entschieden: so ist die Ahmadiyya in Hessen die erste islamische Gruppe, die diesen Status erhalten hat.

Frankreich versteht sich seit 1905 als laizistischer Staat. Ziel der strikten Trennung von Staat und Religion war es, den historischen Einfluss der Kirche v.a. im Bildungssystem zu brechen, und dadurch den freiheitlichen Idealen der Aufklärung und der Französischen Revolution zum endgültigen Durchbruch zu verhelfen.
Die strikte Trennung lässt sich in der Praxis aber nicht konsequent durch halten: 2003 wurde mit Unterstützung des Innenministeriums der “Französische Rat für den muslimischen Kult” gegründet, obwohl diese staatliche Mitwirkung französischem Selbstverständnis eigentlich zuwider läuft.
Nicht nur im politischen Interesse werden hier alte “Dogmen” aufgeweicht: auch in Fragen der kulturellen Bildung sieht man in Frankreich immer deutlicher, dass man nicht umhin kommt, sich im Bildungssystem mit religiösen Selbstverständnissen zu befassen.

Auch wenn die anglikanische Kirche in England Staatskirche ist: die eher kommunitaristisch geprägte Religionspolitik ist dort wohl die liberalste von den drei Ländern, was bereits am Flughafen deutlich wird, wenn der Zollbeamte am Flughafen durch seinen Turban als Sikh und die Polizistin auf der Straße durch ihr Kopftuch als Muslimin zu erkennen ist. Nicht zuletzt die problematischen Verhältnisse in islamischen Privatschulen in England werfen derzeit die Frage auf, wie weit Religionsfreiheit gehen darf.

Wenn der Philosoph Habermas nach einer europäischen Identität fragt, dann spielt dabei die Religion eine wichtige Rolle. Er nimmt die Heterogenität ernst, die Europa durch die sehr verschiedenen Prägungen seiner Länder hat. Ihm geht es nicht darum, einzelne nationale Kulturen zu assimilieren oder sie isoliert nebeneinander stehen zu lassen. Es geht darum, die nationalen Identitäten aufzustocken, sie um eine europäische Dimension zu erweitern und gleichzeitig eine Anerkennung von Differenz zu gewährleisten. Was heißt das etwa für Muslime, für Einwanderer anderen Glaubens und anderer Herkunft? Habermas unterscheidet Staatsnation (alle die, die schon allein durch den entsprechenden Pass dazu gehören) und Volksnation. “Die Staatsnation findet ihre Identität nicht in ethnisch-kulturellen Gemeinsamkeiten, sondern in der Praxis von Bürgern, die ihre demokratischen Teilnahme- und Kommunikationsrechte ausüben.” Damit benennt er die Herausforderung für die Zukunft: alle, auch die Einwanderer, auch die Moscheevereine müssen sich nicht zuletzt zu kritischen Fragen öffentlich positionieren und am Diskurs beteiligen. Es geht um eine gesamtgesellschaftliche Entwicklung, dass verschiedene Gruppen einander als Teil der Zivilgesellschaft wahr- und ernst nehmen. Nur so kann Europa Heimat werden für Menschen verschiedenen Glaubens und verschiedener Herkunft.

Text: Hans-Martin Gloël, Pfarrer, Leiter Brücke-Köprü

Brücke-Köprü – Begegnung von Christen und Muslimen
www.bruecke-nuernberg.de/europaUndDieReligion.htm – letzte Änderung: 25. Okt 15 – Impressum