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Dr. Thomas Amberg

Leiter der Brücke-Köprü

Pfarrer und Islamwissenschaftler

1219 – 2019

Eine ungewöhnliche Begegnung

Mit dem Titelbild des aktuellen BRÜCKE-Programms erinnern wir an eine ungewöhnliche Begegnung vor genau 800 Jahren:

Im Jahr 1219 schloss sich Franz von Assisi dem 5. Kreuzzug an, der die Eroberung Jerusalems zum Ziel hatte. Franz aber durchbrach die Logik aus religiös motivierter Gewalt und Gegengewalt in unerwarteter Weise: unbewaffnet begab er sich ins Lager des muslimischen Sultans Al-Kamil Muhammad al-Malik im ägyptischen Dumiyat, um vor dem Sultan zu predigen und den Krieg durch Überzeugungskraft zu beenden.

Die Begegnung zwischen dem Sultan und Franz hatte auf beide Wirkung. Entgegen aller Kreuzzugspropaganda beeindruckte Franz die tiefe Ehrfurcht der Muslime vor Gott. Als Folge schrieb er in die erste Ordensregel: Mitglieder seiner Gemeinschaft, die sich in anderen Kulturbereichen bewegten, sollten durch eine einfache, friedfertige Präsenz und eine dienende Haltung Zeugnis für das Christentum ablegen und „weder zanken noch streiten“. Dem Vorbild des Muezzin-Rufes folgend setzte sich Franz dafür ein, ein Erinnerungszeichen an das Lob Gottes auch im Abendland einzuführen. Auf diese Initiative geht das noch heute übliche Läuten der Kirchenglocken am Morgen, Mittag und Abend zurück. Wer hätte das gedacht?

Die Ikone auf der Titelseite zeigt diese Begegnung als Begegnung zweier gläubiger Menschen auf Augenhöhe. Die Dynamik ihrer Hände steht für behutsame Annäherung. Das verbindende rote Band zwischen Minarett und Kirchturm symbolisiert die Überwindung der Fremdheit. Was für eine Ermutigung auch für unsere Arbeit in der BRÜCKE-KÖPRÜ in Nürnberg! Lasst uns daran immer wieder neu anknüpfen.